Mantra – Klang als Element der Bewusstseinsverwandlung


Mantra, was ist das denn nun eigentlich? Was verbirgt sich dahinter, warum wird es angewandt und wozu?


Die Bedeutung eines Mantras und der Hintergrund der Mantren-Rezitation sind sehr komplex. Ich habe im Folgenden versucht, auf die wichtigen Aspekte einzugehen und hoffe, es informiert Euch und inspiriert ein wenig. Es sei gesagt, dass es sich hierbei nur um die Anwendung von Mantren in Zusammenhang mit Rezitation handelt. Ein weiteres Feld ergibt sich bei der Mantren-Meditation.


Die wohl wichtigste Funktion eines Mantras, ist die zu schützen und zu befreien. Ein Mantra kann uns also schützen und befreien. Diese Aussage wurde von meiner Rezitationslehrerin gemacht, einer Inderin, die uns im Vedischen Gesang über viele Unterrichtseinheiten unterrichtete und deren Fundus an Erfahrungen mit Mantren-Gesang wir gespannt lauschten, während der Ausbildung.


Tatsächlich werden in Indien Yoga LehrerInnen im Rahmen von Yoga Therapie, die auch im Vedischen Mantren Gesang unterwiesen sind, dazu geholt, wenn es z.B. um die Arbeit mit Schlaganfallpatienten und Kindern mit Down-Syndrom geht. Studien belegen heute, dass das Singen, oder Klang im Allgemeinen auf Materie einwirken kann und verschiedenste, positive Veränderungen des menschlichen Systems, angefangen bei der Verbesserung der Atemqualität (Profi-SängerInnen wissen dies zu schätzen) über Vernetzungen im Gehirn, Verbesserung des Immunsystems, Einfluss auf die körpereigenen Hormone, Reduktion des Alterungsprozess hervorrufen kann, um nur einige Vorteile dieser Arbeit zu nennen. (Tinnitus Patienten werden u.a. beispielsweise mit Bach-Musik therapiert, erstaunlich, nicht wahr?)


Die Körperwahrnehmung wird verbessert durch die Wirkung der Vibration auf die Systeme des Menschen bis hin zu den so wichtigen Körperflüssigkeiten. Und natürlich kann sich auch die Stimmung verändern, die Gefühlswelt wird ausgeglichener, was durch den Ausgleich des vegetativen Nervensystems geschieht, wobei der Atem wiederum eine große Rolle spielt. Das Rezitieren von Mantren kann stimmungsaufhellend wirken, anregen, beruhigend und vertrauensvoller. Auch sind speziell die Laute und einzelnen Buchstaben, die durch die Mantren im Mund erzeugt werden, ein sehr wichtiger Punkt, da damit bestimmte Areale im Gehirn angesprochen werden, als wenn eine neue Spur angelegt würde. Soweit so gut. Wir wissen also, dass es unserer Gesundheit dient, ohne hier noch weiter auf Details einzugehen.


Kommen wir zu den Wurzeln, dem historischen Hintergrund. Ein Mantra – man von manas, Geist und - tra von trajate, befreiend, ist eine Klangfolge, die Geist und Verstand befreien soll. Ist es nicht genau das, was wir uns in dieser immer komplexeren Welt, die sich empfunden immer schneller bewegt, brauchen? Sehen wir weiter … das Mantra ist ein Bestandteil (mal eine kurze Klangfolge, mal ein langer Text) der Veden, ein umfangreiche Sammlung von Hymnen über das Wissen der indischen Philosophie. In den Veden geht es um empirisches Wissen (auf Beobachtung und Erfahrung beruhendes Wissen) und das Verständnis der Wirklichkeit, die nicht direkt wahrgenommen werden kann. Sie umfassen die materiellen und spirituellen Aspekte des Lebens und sind um die Zeit 1200 Jahre v. Chr. entstanden. Den Kern des Veda bildet eine mündliche Tradition, in der die Hymnen von den Weisen empfangen und weitergegeben wurden. Die Rezitation begleitete damals die Opferrituale der Brahmanen.


Die genaue Aussprache und Intonation der Worte war sehr wichtig. Ein einzig falsch ausgesprochener Laut kann den Sinn verändern, ja ins Gegenteil kehren. Das Aufzeichnen der Texte geschah erst sehr viel später, als die Tradition drohte, verloren zu gehen. Auch heute noch wird in genau dieser Tradition von Vedic Chant Lehrern und Lehrerinnen das Wissen auf die SchülerInnen zunächst in mündlicher Tradition übertragen. Das heisst lernen, lernen, lernen. Umfangreiche Texte werden gehört, wiederholt und gelernt (aber auch kurze Mantren). Dann werden sie übersetzt, um verstanden zu werden, und es wird darüber meditiert. Die Sprache der Veden ist das Sanskrit, die eigens dafür entwickelte Schrift ist "Devanagari", die Schrift der göttlichen Stadt.


Erst nach einer gewissen Erfahrung und Verinnerlichung werden die Texte weitergegeben. Wozu das Ganze, könnte man jetzt fragen… Nun, ein großer Yogalehrer hat einmal gesagt: „die Yoga-Philosophie ist nicht dazu da, um am runden Tisch diskutiert zu werden, sondern sie ist ein wirksames Instrument, um die Schwierigkeiten des Lebens zu bestehen“ (Swami Sivananda). Das Mantra Chanten ist ein Werkzeug der Yoga Kultur, entstanden aus der vedischen Philosophie. Genau diese Philosophie wurde ursprünglich also in mündlicher Form übertragen, im Gesang – dem Mantra-Gesang!


Was bewirkt ein Mantra dann jetzt genau? Nun, es hat mehrere Wirkweisen, eine davon ist es, denn Geist zu zentrieren. Indem man den Geist, immer wieder auf das Mantra ausrichtet, denn er hat die Eigenschaft abzuschweifen, sich zu zerstreuen, wird die Konzentration stärker. Der Geist bekommt so einen „Anker“ und das Ausrichten auf den Inhalt (manchmal ganze Geschichten) sinkt tief in unser Bewusstsein. Dafür braucht es Übung und Kontinuität. Wenn man sich der Bedeutung des Mantras widmet, kann das Mantra anfangen zu wirken. Durch das Rezitieren von Mantren wird eine Energie entwickelt und freigesetzt, könnte man sagen. Und was macht Energie? Sie wandelt sich in die Materie. Deswegen ist es so wichtig, die Mantren richtig zu rezitieren, Buchstabe für Buchstabe mit der richtigen Intonation und natürlich braucht es dafür eine kundige Einweisung. Nur so, können die Texte in ihrer ganzen Kraft und Tiefe bewahrt werden. Wie immer gilt auch hier, es geht um die Haltung in der Haltung. also mit welcher inneren Haltung rezitieren wir?


Übrigens, vedische Mantren werden o h n e Musik rezitiert. Das Singen mit Musik, genannt Kirtan, ist eine andere Praxis und nicht zu vergleichen mit der Mantren Rezitation. Auch einzelne Mantren, einfache Silben kommen zum Einsatz und werden oft einem Schüler, einer Schülerin persönlich gegeben, zur Transformation und Entwicklung. Diese Art des „Singens“ gibt es in vielen Traditionen, einzelne Gebetsformeln werden rezitiert, nicht selten stundenlang und regelmäßig. In der heutigen Zeit werden zur persönlichen Weiterbildung, zum Schutz oder auch nur zur Freude auch Worte in anderen Sprachen, der Muttersprache z.B. angewandt wie ein Mantra. Möchte man eine Qualität wie Geduld beispielsweise mehren, so kann man das Wort Geduld wieder und wieder rezitieren, erst laut, dann leiser, dann nur noch mental. Es wird einen Effekt haben.


Abschließend möchte ich noch auf den spirituellen Aspekt beim Mantra Rezitieren eingehen. Selbst beim bloßen Asana Üben, also dem achtsamen Einnehmen einer Yogahaltung, berühren wir diese spirituelle Ebene, wenn wir loslassen und uns entspannen. Laut Wikipedia ist: „Spiritualität die Suche, die Hinwendung, die unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit, die der materiellen Welt zugrunde liegt.“ In den vedischen Kultur ist die materielle Welt, die Schöpfung, grob gesagt, aus Klang entstanden. Ihr liegt eine Physik der Elemente zugrunde, die dem Element „Klang“ eine grundlegende Rolle zuspricht. Das rhythmische Schwingen ist eine direkte Folge der Wechselwirkung zwischen Raum, Zeit und Bewusstsein. Wer einmal eine Klangmassage erlebt hat, weiß, wie sich das anfühlt, wenn die Schwingung durch den ganzen Körper geht und unseren Geist erfasst, und Geist ist nichts anderes als Spirit.


In Indien, dem Ursprung der vedischen Mantra Rezitation werden die Mantren mit äußerster Hingabe und dem Glauben an ihre Wirkung gemacht. Natürlich hat dies für die Menschen dort und vielleicht vor allem, einen religiösen Aspekt. Dennoch sind die Mantren universell und können von jedem rezitiert werden.


Zusammengefasst kann man sagen, dass die Arbeit mit Mantren aufwendig sein kann, aber sehr lohnenswert ist und viel Freude bereitet. Sie ist eine Bereicherung und gehört für viele Yoga Praktizierende zur täglichen Übung. Mich macht es z.B. strukturierter, ruhiger, konzentrierter und freudiger! Dinge ergeben sich wie von allein, als wenn ich mich in einen Fluss begeben hätte. Es ist einfach schön.


Zum Schluss möchte ich noch meine Rezitationslehrerin zitieren, die sagt:

„wenn Yoga ein Kind wäre, wäre der Veda die Mutter“.


Damit schließt sich der Reigen.


Ach ja, und die wohlbekannteste Silbe in diesem Zusammenhang ist das Mantra OM, das Urmantra sozusagen. OM symbolisiert das Absolute und ist in Indien heilig, aber das wusstet Ihr bestimmt schon.


Namaste,


Beate

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